* 13 *
Alle bis auf Junge 412, der immer noch schlief, starrten in die Nacht. Wieder strich das Suchlicht über den Horizont und erhellte die breite Wasserfläche und die flachen Ufer zu beiden Seiten. Für alle war klar, wer das war.
»Das ist der Jäger, nicht wahr, Dad?«, flüsterte Jenna.
Silas wusste, dass sie Recht hatte, sagte aber: »Nun ja, es könnte alles Mögliche sein, mein Schatz. Zum Beispiel ein Fischerboot ... oder so was.« Es klang nicht überzeugend.
»Natürlich ist es der Jäger«, fuhr ihn Marcia an, deren Übelkeit mit einem Mal verflogen war. »In einem Verfolgungsschnellboot, wenn ich mich nicht irre.«
Marcia war sich dessen nicht bewusst, aber ihr war nicht mehr schlecht, weil die Muriel aufgehört hatte, über die Wellen zu hüpfen. Genau genommen tat die Muriel gar nichts mehr. Sie trieb nur richtungslos im Wasser.
Marcia sah Nicko vorwurfsvoll an. »Tempo, Nicko. Wieso sind wir langsamer geworden?«
»Ich kann nichts dafür«, antwortete Nicko besorgt, »der Wind hat abgeflaut.« Er hatte gerade Kurs auf die Marram-Marschen genommen, als Windstille eingetreten war. Die Muriel machte überhaupt keine Fahrt mehr, und die Segel hingen schlaff herab.
»Wir können doch nicht hier herumsitzen und Däumchen drehen«, sagte Marcia und beobachtete nervös das Suchlicht, das rasch näher kam. »In ein paar Minuten ist das Schnellboot hier.«
»Kannst du nicht ein bisschen Wind für uns herbeizaubern?«, fragte Silas aufgeregt. »Du gibst doch einen Fortgeschrittenenkurs über die Beherrschung der Elemente. Oder mach uns unsichtbar. Los, Marcia, tu etwas.«
»Ich kann nicht einfach ›ein bisschen Wind herbeizaubern‹, wie du es nennst. Ich habe nicht annähernd genug Zeit. Und wie du weißt, kann man nur sich selbst unsichtbar machen. Und niemand anders.«
Das Suchlicht huschte wieder übers Wasser. Größer, heller, näher. Und es kam schnell auf sie zu.
»Wir müssen paddeln«, sagte Nicko, der als Skipper beschlossen hatte, das Kommando zu übernehmen. »Wir paddeln in die Marsch hinüber und versteckten uns dort. Los. Beeilt euch.«
Marcia, Silas und Jenna schnappten sich jeweils ein Paddel. Junge 412 schreckte aus dem Schlaf hoch, als Jenna hastig nach einem Paddel griff und dabei seinen Kopf auf die Planken knallen ließ. Er sah sich traurig um. Wieso war er noch auf dem Boot mit den Zauberern? Was hatten sie mit ihm vor?
Jenna drückte ihm das letzte Paddel in die Hand. »Paddel«, befahl sie ihm. »So schnell, wie du kannst.« Ihr Befehlston erinnerte ihn an seine Ausbilder. Er tauchte das Paddel ins Wasser und paddelte so schnell er konnte.
Langsam, viel zu langsam, kroch die Muriel auf die rettenden Marram-Marschen zu, während der Scheinwerferstrahl kreuz und quer übers Wasser strich und gnadenlos seine Beute suchte.
Jenna spähte nach hinten und erblickte zu ihrem Entsetzen die dunklen Umrisse des Schnellboots. Es sah aus wie ein langer widerwärtiger Käfer mit fünf dünnen schwarzen Beinpaaren, die unablässig das Wasser durchschnitten, vor und zurück, vor und zurück. Die voll austrainierten Ruderer holten alles aus sich und dem Boot heraus, und der Vorsprung der Muriel schmolz rasch.
Im Bug saß die unverwechselbare Gestalt des Jägers, angespannt und zum Losschlagen bereit. Jenna fing seinen kalten, berechnenden Blick auf, und da fasste sie sich ein Herz und sprach Marcia an.
»Marcia«, sagte sie, »wir erreichen die Marschen nicht mehr rechtzeitig. Sie müssen etwas unternehmen. Sofort.«
Marcia war überrascht, dass sie so direkt angesprochen wurde, aber sie war angenehm überrascht. Gut gesprochen, dachte sie bei sich, wie eine wahre Prinzessin.
»Na schön«, sagte sie. »Ich könnte es mit Nebel versuchen. Dazu brauche ich fünfunddreißig Sekunden. Kalt und feucht genug ist es ja.«
Kein Besatzungsmitglied der Muriel zweifelte daran, dass es kalt und feucht genug war. Fraglich war nur, ob ihnen noch fünfunddreißig Sekunden blieben.
»Paddeln einstellen«, befahl Marcia. »Rührt euch nicht. Und seid still. Kein Wort.« Die Besatzung tat wie geheißen. In der nun eintretenden Stille vernahmen sie in der Ferne das rhythmische Klatschen der Schnellbootruder.
Marcia stand vorsichtig auf. Wenn der Boden doch nur nicht so schwanken würde! Sie lehnte sich an den Mast, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, holte tief Luft und breitete die Arme aus. Ihr Umhang flatterte wie zwei lila Schwingen.
»Nebel erwache!«, flüsterte die Außergewöhnliche Zauberin so laut, wie sie sich traute. »Nebel erwache und gewähre Schutz!«
Es war ein schöner Zauber. Jenna beobachtete, wie sich in der mondhellen Nacht dichte weiße Wolken am Himmel zusammenballten und gleich darauf den Mond verdunkelten. Eine eisige Kälte ging von ihnen aus, und es wurde totenstill. Überall, so weit das Auge reichte, stiegen erste zarte Nebelschleier vom schwarzen Wasser auf. Die Schleier wuchsen immer schneller, bildeten Knäuel und wurden zu dichten Schwaden, und dann zog Dunst von den Marschen herüber und vermischte sich mit ihnen. Und mittendrin, im Auge des Nebels, lag die Muriel und wartete geduldig, während der Nebel um sie herumwirbelte, sich wälzte und immer dichter wurde.
Bald war die Muriel in ein undurchdringliches Weiß eingehüllt, dessen feuchte Kälte Jenna bis in die Knochen spürte. Sie fühlte, wie Junge 412 neben ihr fürchterlich zu schlottern begann.
»Genau fünfunddreißig Sekunden«, murmelte Marcias Stimme aus dem Nebel. »Nicht übel.«
»Pst!«, machte Silas.
Tiefe Stille senkte sich über das Boot. Langsam hob Jenna die Hand und hielt sie sich vor die weit geöffneten Augen. Sie sah nichts außer Weiß. Aber sie konnte alles hören.
Sie hörte das Klatschen der zehn messerscharfen Ruder, die sich gleichzeitig hoben und senkten, hoben und senkten, hoben und senkten. Sie hörte das leise Zischen, mit dem die Spitze des Schnellboots das Wasser teilte, und dann ... dann war es so nahe, dass sie sogar das Keuchen der Ruderer hören konnte.
»Stopp!«, donnerte die Stimme des Jägers durch den Nebel. Das Klatschen der Ruder verstummte, und das Schnellboot glitt weiter, bis es stehen blieb. Die Besatzung der Muriel hielt den Atem an. Kein Zweifel, das Schnellboot war sehr nahe. Vielleicht zum Greifen nahe. Oder jedenfalls so nahe, dass der Jäger auf das überfüllte Deck der Muriel springen konnte ...
Jenna spürte, wie ihr Herz raste, doch sie zwang sich, langsam und geräuschlos zu atmen, und verharrte völlig reglos. Sie wusste, dass sie nicht gesehen, wohl aber gehört werden konnte. Nicko und Marcia taten dasselbe. Und auch Silas, der zudem mit der einen Hand Maxie die Schnauze zuhielt, damit er nicht losheulte, und ihn mit der anderen streichelte und beruhigte, denn der Nebel hatte dem Hund einen gehörigen Schrecken eingejagt.
Jenna spürte, dass Junge 412 unablässig zitterte. Sie streckte langsam den Arm aus und zog ihn an sich, um ihn zu wärmen. Junge 412 schien verkrampft, und Jenna hatte das Gefühl, dass er angestrengt der Stimme des Jägers lauschte.
»Wir kriegen sie!«, sagte der Jäger gerade. »Wenn das kein Hexennebel ist! Und was findet man mitten in einem Hexennebel? Eine zaubernde Hexe. Mitsamt ihren Komplizen.« Ein selbstzufriedenes Glucksen drang durch den Nebel und ließ Jenna erschauern.
»Gebt auf!« Die geisterhafte Stimme des Jägers hüllte die Muriel ein. »Das Königsbalg ... die Prinzessin hat nichts von uns zu befürchten. Und ihr anderen auch nicht. Wir sind nur um eure Sicherheit besorgt und möchten euch in die Burg zurückbegleiten, bevor ihr einem tragischen Unfall zum Opfer fallt.«
Jenna verabscheute die ölige Stimme des Jägers. Es war zum Verrücktwerden, dass sie ihr nicht entgehen konnten, dass sie hier herumsitzen und sich seine gemeinen schmierigen Lügen anhören mussten. Am liebsten hätte sie zurückgebrüllt. Ihm gesagt, dass sie hier zu bestimmen habe. Dass seine Drohungen bei ihr nicht funktionierten. Dass er es bald bereuen würde. Und dann fühlte sie, wie Junge 412 tief Luft holte, und sie wusste genau, was er vorhatte.
Er wollte schreien.
Jenna hielt ihm fest den Mund zu. Er wehrte sich und versuchte, sie wegzustoßen, doch sie packte mit der anderen Hand seine Arme und presste sie ihm an den Leib. Jenna war stark für ihre Größe und sehr schnell. Junge 412 kam nicht gegen sie an, dünn und schwach, wie er war.
Junge 412 war wütend. Die letzte Chance, seinen Fehler wieder gutzumachen, war vertan. Er hätte als Held in die Jungarmee zurückkehren können, als derjenige, der tapfer den Fluchtversuch der Zauberer vereitelt hatte. Stattdessen hielt ihm die Prinzessin mit ihrer schmutzigen kleinen Hand den Mund zu, wovon ihm ganz schlecht wurde. Und sie war stärker als er. Das war nicht richtig. Er war ein Junge, und sie war nur ein dummes Mädchen. In seiner Wut strampelte er mit den Beinen und trat gegen die Planken, dass es laut bumste. Sofort war Nicko bei ihm, drückte seine Beine an den Boden und hielt sie so fest, dass er sie nicht mehr bewegen konnte.
Doch es war zu spät. Der Jäger lud seine Pistole mit einer Silberkugel. Der wütende Tritt von Junge 412 hatte ihm genügt. Jetzt wusste er genau, wo sie waren. Er grinste in sich hinein, als er die Pistole auf dem Dreibein drehte und in den Nebel richtete. Genau auf Jenna.
Marcia hörte das metallische Klicken der Silberkugel beim Laden. Sie hatte dieses Geräusch schon einmal gehört und nie vergessen. Sie überlegte fieberhaft. Sie konnte es mit einem »Umgürten und Beschützen« versuchen, aber sie kannte den Jäger. Er würde sie weiter beobachten und abwarten, bis die Kraft des Zaubers nachließ. Der einzige Ausweg war eine Projektion. Sie konnte nur hoffen, dass sie noch genug Kraft dafür hatte.
Marcia schloss die Augen und projizierte. Sie projizierte ein Bild der Muriel und ihrer Besatzung, wie sie in voller Fahrt aus dem Nebel segelte. Wie alle Projektionen war es ein Spiegelbild, doch sie hoffte, dass es dem Jäger im Dunkeln nicht auffiel, zumal die leiruM dann schon weit enteilt war.
»Sir!«, rief ein Ruderer in der Nacht. »Sie versuchen zu fliehen, Sir!«
»Ihnen nach, ihr Idioten!«, brüllte er die Ruderer an.
Langsam ruderten sie das Schnellboot aus dem Nebel.
»Schneller!«, tobte der Jäger, der es nicht verwinden konnte, dass ihm die Beute zum dritten Mal in dieser Nacht entkam.
Mitten im Nebel grinsten Jenna und Nicko. Eins zu null für sie.